Umgang mit der Trauer und dem Verlust

Meine ersten Worte möchte ich erst einmal dazu nutzen, um den/der/die-Betroffenen mein Beileid auszusprechen
für den Verlust eines lieben Menschen.

In dieser Situation sind  1000 Worte noch zu wenig.





Mich konnte nur einer trösten, nämlich DER, der mir meinen Partner zurück bringt.





Um euch auf dem Trauerweg ein wenig zu begleiten, möchte ich dazu sagen, dass es eine freie Willensentscheidung des Suizidenden ist, dem Leben ein Ende zu setzen. Meist gehen Krankheiten voraus. Eine der letzten freien Entscheidungen,
die der Mensch sich vorbehalten kann. Und diese trifft er nun mal ALLEIN!

Was ich hier aufschreibe basiert auf den Kenntnissen meiner Ausbildung als Seelsorgerin, und auf meinen Erfahrungen mit der eigenen Trauer, sowie den Erfahrungen mit anderen Suizidhinterbliebenen aus meiner Gruppe.

Euren Verlust kann ich euch nicht rückgängig machen. Den Schmerz nicht unbedingt lindern, aber vielleicht kann sich der Ein oder der Andere hier identifizieren. Das tut in gewisser Weise gut.

Die Angehörigen bleiben zurück mit Schuldgefühlen, und fragen sich "Was habe ich falsch gemacht"?   "Habe ich etwas Falsches gesagt oder getan"? "Warum habe ich nicht bemerkt, dass es so schlimm ist"? Meist ist noch nicht einmal ein Abschiedsbrief vorhanden.
Bei mir war ein Abschiedsbrief vorhanden, darauf stand: "Die Zeit mit dir war die glücklichste in meinem Leben" "Ich liebe dich, und werde es immer tun" .
Das waren die letzten Zeilen des Briefes. Dennoch gab es Schuldgefühle meinerseits. Warum habe ich die Symptome nicht wahrgenommen?... Hätte ich nicht doch irgendwie helfen können?...Und so gab ich mir die Schuld an seinem Tod. ICH als Partnerin hätte das doch merken müssen, oder verhindern müssen, und zwar langfristig.
Wir sind keine  Ärzte, um die Symptome frühzeitig zu erkennen, oder um zu helfen. Suizidende sind Menschen, die nach außen  hin meinen, gut mit ihrer Krankheit umgehen zu können. Sie versuchen, damit klarzukommen,und dagegen anzukämpfen, aber diesen Kampf verlieren sie ganz einfach. Um es kurz zu sagen, diese Krankheit  bringt sie um. Sie sterben ganz einfach an "Seelenkrebs" . Es kann eine tötliche Krankheit werden wie jede Andere.Phenylthylamin zum Beispiel ist ein fehlgesteuertes Hormon.  Es wird fehlsausgeschüttet, und leitet den Kranken in eine Richtung, die er gar nicht will. Es entsteht ein Fehlgefühl. Es entsteht somit ein Märchendenken. Gedanken, die gesunde Menschen nicht mehr nachvollziehen können.
Psychische und physische Mangelerscheinungen entstehen dadruch während einer Depression.  Somit sind Suizidende der Meinung, sie tun dies für einen guten Zweck. Das konnte ich hautnah auch bei meinem Partner erleben. Er war der Meinung, dass ein Suizid seinerseits nur zu MEINEM besten ist, damit ich ein ruhigeres Leben führen kann. Aber genau das Gegenteil hat er damit erreicht.

Ich habe meine Trauer ausgelebt ,wurde seelsorgerisch betreut. Bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen, um mich mit anderen  Trauernden auszutauschen. Man muss für sich entscheiden, was einem gut tut, und was nicht. Eine Trauer verläuft bei jedem Menschen anders. Ich zum Beispiel bin jeden Tag auf dem Friedhof gewesen. Andere können das gar nicht. Es hilft ungemein sich von einem Seelsorger betreuen zu  lassen. Mir tat das gut. In der Schockphase hatte ich viel Kraft, und konnte  alles erledigen.Beerdigung und Wohnungsauflösung. Als diese Phase sich dem Übergang neigte, das war direkt nach der Auflösung der Wohnung, wurde ich kraftlos und verfiel in eine Depression. Denn da merkte ich, wie schnell alles  vorbei sein kann. Von dem lieben Toten ist nichts mehr da. Alles ist Geschichte auf dieser Erde. Nur noch die Erinnerungen bleiben. Ich stand in der leeren Wohnung. Das Inventar war weg, die Wohnung , und  überhaupt alles was er besaß, außer ein paar Erinnerungsstücke, die ich mir dann noch mit nach Hause nahm. Ich ging nicht mehr aus dem Haus. Wichtig ist, sich nicht zu irgend etwas zwingen zu lassen, was man nicht möchte oder kann.Egoismus! So hart es klingt, aber das ist die einzige Möglichkeit um zu  überleben. Der Körper schaltet  einen Schutzmechanismus ein. Ich habe Freunde verloren,  und Neue dazugewonnen. Ich habe  ein Trauertagebuch geschenkt bekommen,  um die Trauer zu verarbeiten.  Sie sind trauerbegleitend aufgelegt. Sehr zu empfehlen. Ich würd euch dabei  auch mit Tipps unterstützen. Am besten hält man sich an Angehörige, die genauso ticken wie man selber in der Trauer. Meist sind auch die Familienmitglieder in der Trauer anders gestrickt als man selber. Nicht selten ist da Streit vorprogrammiert. Aber das muss man für sich selber herausfinden. Sollte man zu Hause gar nicht mehr klarkommen, auf gutgemeinte Worte wie: "Die Zeit heilt Wunden", oder "das Leben muss weitergehen",  verzichten zu wollen, dann sollte man ein wenig Abstand gewinnen mit einer Kur oder einer kleinen Reise allein, oder mit einem Angehörigen, der ähnlich  gestrickt ist wie man selber.
Um noch einmal auf die Wohnung zurückzukommen...wer das Hab und Gut des Verstorbenen entsorgen lassen muss, dem empfehle ich, so viel wie möglich  zurückzubehalten. Vielleicht im Keller?...vorerst.
Ich hatte sehr viel im Keller untergebracht. Auch habe ich mir zu Hause eine kleine Gedenkstätte eingerichtet im Regal. Ein Bild, und diversen persönlichen  Sachen von meinem Carsten. Einiges konnte ich in meinem Haushalt integrieren. Vasen, Körbe usw...Später wird der Zeitpunkt kommen, wo man dann bereit ist,  einiges davon im Keller dann doch zu entsorgen.

Sehr gut kann man seine Trauer auch ausleben in dem Onlineforum Strassederbesten.de. Das ist eine virtuelle Gedenkstätte. Dort kann man Gräber  erstellen, schmücken und sich mit anderen Menschen austauschen. Da findet  man sehr schnell Anschluss. So habe ich die meiste Zeit in diesem Forum  verbracht,was mir sehr geholfen hatte. Es ist kostenlos!
Dort habe ich neue Freunde gefunden, die das gleiche Schicksal teilen wie ich.  Gemeinsam mit ihnen habe ich meine Trauer ausgelebt, und gemerkt wie der beißende Schmerz von Zeit zu Zeit weniger wurde. Aber, mein Lebenspartner hat einen Teil von mir mitgenommen, ebenso wie er einen Teil von sich hier gelassen hat.  Ich habe gemerkt, wie sich mein Leben von Grund auf erneuerte. Neue Freunde, neue Hobbys... und mein Charakter und mein Wesen haben sich verändert.  Mein Interessengebiet hat sich geändert.  All das sind Dinge, die sich verändert  haben.  Nichts ist mehr, wie es mal war. Das fängt schon bei den Büchern an.

Hier mal einige Beispiel:

"Papa hat sich erschossen"                                von Saskia Jungnikl,
 "Schwesterherz"                                                 von Felix Francis. 
 "Für jedes Problem eine Lösung"                       von Kerstin Gier.
"Veronika beschließt zu sterben"                         von Paulo Coelho

Das sind Bücher wo der Suizid die Haupthandlung ist. So habe ich gemerkt,  dass meine Lebensveränderung auch an der Literatur nicht Halt gemacht hat. Wustet ihr, dass der Frontmann von den Prinzen seine Mutter auch durch Suizid verloren hat?
Oder Harpe Kerkeling? Auch darüber existieren Bücher.

Liebe Trauernde, scheut euch nicht therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die meisten Psychotherapeuten sind zwar nicht auf Trauer geschult, aber es gibt da schon einige, die ihr "Handwerk" verstehen und sehr einfühlsam sind. Unter Trauertherapeuten.de wird man fündig. Bei traumatischen Geschehnissen sollte man einen Traumatherapeuten hinzuziehen, sonst sind die Folge Posttraumatische Erlebnisse.

Ihr könnt euch auch mal überlegen,  wie es nach dem Tod weitergeht.  Welche Theorien gibt es? Wer sagt, dass es nach dem Tod nicht irgendwo weitergeht. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder? Es ist nicht das Gegenteil  bewiesen. Aber Anderes auch nicht. Aber wenn man an etwas glaubt, das einem  Hoffnung gibt, hilft es ungemein weiter. In einem sind sich alle Glaubengemeinschaften  sicher und einig, nämlich, dass es nach dem Tod weitergeht.  Egal ob man sich nun im weltlichen orientiert, oder im christlichen. Der Tod ist nicht das Ende. Es ist zwar jenseits unserer Vorstellungskraft, aber dennoch nicht unmöglich.

Auch habe ich schon erlebt, dass Hinterbliebene mir gesagt haben,  dass sie  eigentlich mit niemandem darüber sprechen dürfen. Eltern des Vestorbenen  oder Geschwister o.ä. haben ihnen verboten jemandem etwas von dem Suizid  zu erzählen. Leider wird er immer noch totgeschwiegen und stigmatisiert. Dazu muss ich sagen:
Gebt dem nicht nach!  Menschen, die derartiges erlebt  haben, haben einen enormen Redefluss, gerade in den ersten Monaten.  Da ist es wichtig, sich die Seele aus dem Leib zu reden. Dies zu unterdrücken wäre NICHT GUT.

Immer wieder wird mir die Frage gestellt, ob man seinen verstorbenen Angehörigen  noch einmal sehen sollte.
Der "Abschied am offenen Sarg".
Ich muss ehrlich sagen, dass ich da keinerlei Empfehlungen aussprechen kann. Ich habe es mir nur von anderen sagen lassen, dass es für ALLE, die ihre Lieben  noch einmal gesehen haben, eine schöne Erfahrung war. Vorausgesetzt die  Todesart lässt das zu. Ist ja leider nicht immer der Fall....  Ich habe gemerkt, dass es enorm wichtig sein kann für die Verarbeitung.  Ich habe
meinen Partner nicht mehr gesehen... Gerade in der ersten Zeit der Trauer kann es vorkommen, dass man den Tod des
Angehörigen nicht wahrhaben will. Man ist der Meinung, dass der Mensch doch  noch einmal wiederkommen könnte. Man malt sich aus, dass alles nur vorgetäuscht ist.
"Ihm ist alles über den Kopf gewachsen, und macht eine längere Auszeit"
oder "vielleicht ist er im Gefängnis" oder "die Kripo hat sich doch geirrt"...
und... und... und... Ich mag jetzt nicht alles aufzählen, was sich für Bilder im Kopf abspielen können... Bei mir war es der Fall! Ich folgte jedem Mann auf der Strasse, der Ähnlichkeit  mit meinem Carsten hatte, um am Ende dann doch festzustellen, dass es sich um eine ganz andere Person handelt. Und selbst da spekulierte ich, ob er  sich nicht hat die Nase operieren lassen, oder die Brille weggelassen hat. ... Es war einfach schlimm.  Gerade deshalb kann es von Wichtigkeit sein.

Aber trotz der Entscheidung, habe ich meinen Lebenspartner immer im  Herzen bei mir. Das wird sich niemals ändern. Und ich freue mich, dass ich ihn kennen und lieben durfte. Die Erinnerungen möchte ich um nichts in der Welt mehr hergeben, obwohl wir auch viele traurige Momente hatten am Ende.

Ein plötzlicher Tod, und dann noch auf solch eine Art und Weise, verändert euer Leben irgendwie. Man muss lernen mit diesem Schicksal zu leben, und die Veränderungen in das "Neue Leben" integrieren. Das ist ein hartes Stück  Arbeit, aber es besteht durchaus eine Chance wieder ein normales Leben zu führen und auch mal wieder lachen zu können, wenn es auch nicht mehr so wird wie es einmal war. Es ist eben ein ANDERES Leben geworden.

Wunden und Schmerzen im Leben sind von Bedeutung, auch wenn es im Moment nicht nachvollziehbar ist. Sie lassen uns reifen so dass Vertrauen in uns wächst. Die Gefühle sollten nicht unterdrückt werden , sondern offenbart werden. Das nennt sich emotionale Pflege. Man sollte sie bewust wahrnehmen, annehmen und erst einmal festhalten. Gefühle müssen sein, man sollte sie auf keinen Fall verdrängen. Durch den Schmerz gehen, und aushalten, ähnlich wie bei einem körperlichen Schmerz, der uns gerade wiederfahren ist. Trauer ist ein seelischer Schmerz den wir durchmachen müssen. Man sollte nicht davonrennen oder fliehen. Der Schmerz holt uns auch noch nach Jahren wieder ein. Das ist das heimrückische daran. Je länger man ihn auslebt den Trauerschmerz, desto besser. Diese Wunde darf nicht oberflächlich heilen, sonst reißt sie unkontrolliert später wieder auf. Ihr sollt nicht trauern, ihr MÜSST es sogar. Das Fieber ist ein Zeichen, dass der Körper gegen eine physische Krankheit ankämpft, und die Trauer ist das Zeichen dafür, dass der Körper gegen einen seelischen Verlust ankämpfen tut. Stellt euch dem.

Nun werdet ihr euch sicherlich fragen, wo Gott an diesem Tag gewesen ist?.. Ja, das ist eine ganz natürliche Frage, die ich mir als Christin sogar auch gestellt hatte. Nun, er war allgegenwärtig, und hat das Geschehen nur zugelassen. Aber warum zugelassen? Weil er dafür seine Gründe hat. Er hat uns erschaffen, und somit gehören wir ihm. Er hat ein Recht darauf, dass wir nicht verloren gehen.Er darf uns zu sich rufen, wann immer er seine Gründe dafür hat.  Man darf auch nicht vergessen, dass er außerhalb von Raum und Zeit lebt. Er weis zwar wohl, dass wir trauern, ABER er weis auch, dass wir unsere Lieben wiedersehen werden, wenn wir daran glauben. Für ihn ist es nur ein Moment, für uns kann es Jahre sein.

1.Mose 37,35 - Wenn man den Vers in der Bibel liest, kann man das Wehklagen des Jakobs regelrecht hören.(Er verlor  Sohn auf betrügerische Weise). Kein Trost half. "Ich werde so lange um ihn trauern, bis ich selbst zu ihm in die Totenwelt komme." 
So sehr hatte ihn der Verlust getroffen. Und so ist es auch noch heute. Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, lassen sich nur sehr schwer trösten. Worte der Hoffnung erreichen sie nicht, weil der Zustand es nicht zulassen tut. Was viele schon einmal gehört haben, oder gar selber schon weiter gaben ist. "Die Zeit heilt alle Wunden, das Leben geht doch weiter". Nein, in diesem Moment, und überhaupt in der Trauerzeit bleibt die Uhr stehen, ob der Trauernde das nun will oder nicht. Das regelt der Körper. Wir benötigen die Heilungszeit, DAMIT es eines Tages weitergeht, wenn auch anders.
Für die Trauernden ist alles dunkel, eher würden sie den Verstorbenen in den Tod folgen, denn sie meinen ohne den Anderen nicht weiterleben zu können. Das liegt daran, dass der Mensch den Tod als etwas Unnatürliches wahrnimmt im Unterbewust. Das ist in gewisser Weise auch richtig. Denn Gott kennt den Tod nicht so wie wir ihn kennen. Und wir sind ja nach seinem Ebenbild geschaffen. Für ihn gibt es ja die Auferstehung. Und somit empfindet der Mensch den Tod eines nahestehenden Menschen als persönlichen Angriff.

Viele von euch, werden an dem christlichen Glauben und überhaupt an der Bibel zweifeln, aber auch andere Glaubensrichtungen sind sich einig, dass es nach dem Tod weitergeht. Und das sollte einem zu Denken geben. Auch gibt es zahlreiche Nahtoderfahrungen, die das bestätigen.
Soweit ein kurzer Ausschnitt von meinem Glauben an euch als Anregung...

Ich wünsche euch viel viel Kraft für die nächsten Wochen und Monate, und  überhaupt immer.

Simone